Dr. med. univ. Markus Moser

Dr. med. univ. Markus Moser
Maria Blanck

Letzte Aktualisierung: 28. August 2026
Der Herzinfarkt aus phänomenologischer Sicht: „Herz aus Stein“ – von Psychosklerose zu Atherosklerose

Herzinfarkt und Psyche: Mehr als ein körperliches Ereignis

Der Herzinfarkt ist und bleibt eine der häufigsten Todesursachen in der westlichen Welt. Einerseits sinken die Todesfälle seit Jahrzehnten durch eine schnelle Diagnosestellung und Therapie, andererseits rangiert die koronare Herzkrankheit weiterhin ganz oben bei den Zivilisationskrankheiten. Das Krankheitsgeschehen und die Risikofaktoren werden fortwährend besser verstanden und die lebensrettenden Therapien werden gleichermaßen stetig verbessert. Time is muscle – so die Devise in der Notfallversorgung.

Aus pathophysiologischer Sicht existieren verständliche Modelle, die aber letztlich wohl nur ca. 60 Prozent der Vorfälle erklären können. Um dieses existentielle Krankheitsbild aber umfassender zu verstehen, lohnt sich eine Betrachtung abseits des reduktionistischen naturwissenschaftlichen Pfades, dieser Perspektive soll sich im folgenden Essay gewidmet werden. Der Infarkt markiert eine existentielle Wende: Sofern er überlebt wird. Nachher ist nicht wie vorher.

Aus ärztlicher Sicht: Angst und Todesangst beim Herzinfarkt

Aus der Erfahrung als Notarzt sind noch so manche Erinnerungen im Kopf, in der beim Betreten eines Raumes, beim ersten Anblick unmittelbar der Herzinfarkt sichtbar war.

Dabei handelt es sich zumeist um eine Szene, in der ein Patient vorneübergebeugt auf einem Stuhl oder einer Couch sitzt, schmerzgeplagt, die rechte Hand auf der linken Brust, schwer atmend, mit kalten Schweißperlen auf der Stirn und einem nassen Oberteil. Dieser Mensch hat eine unbeschreibliche, verzweifelte Not, „eine Todesangst“, die ihm buchstäblich ins Gesicht geschrieben ist.

Die Familienangehörigen sind kreisförmig um den Patienten positioniert, überfordert, verunsichert und ebenfalls verängstigt. Auch ihnen sieht man die ausgeprägte Sorge an und sie hoffen auf die herbeigeeilten Helfer.

Sofern der Patient stabil ist, gestaltet sich das weitere Vorgehen sehr standardisiert. Das EKG sichert die Verdachtsdiagnose. Der Patient erhält einen venösen Zugang, diverse Medikamente zur Stabilisierung und zur Schmerztherapie und er wird überwacht. Es erfolgen Anrufe im zuständigen Krankenhaus, um das Herzkatheter-Labor zu alarmieren, und dann geht es im Eiltempo dorthin.

Ein einprägsames Bild – und dennoch viel Routine aus der Sicht der Helfer.

Aus der Sicht des Patienten: Ein Herzinfarkt als Erfahrung von Angst und Kontrollverlust

„Es fing mit einem Druck in der Brust an, aus dem Nichts. Gestern habe ich noch Tennis gespielt, und es ging mir gut. Der Schmerz war anfangs nicht extrem, eher unangenehm. Ich dachte zuerst an Sodbrennen oder Stress. Ich habe noch versucht, weiterzumachen, bin aufgestanden, ein paar Schritte gegangen, habe versucht, tief zu atmen. Aber es wurde nicht besser – im Gegenteil. Der Druck blieb, die Brust zog sich zusammen, so, als ob sie in einem Schraubstock eingeklemmt wäre. Der Schmerz zog in den linken Arm, und ich merkte, dass mir kalt wurde, obwohl es warm war. Dann kam der Schweiß, kalter, klebriger Schweiß – überall, am ganzen Körper.

Da kam zum ersten Mal der Gedanke: Das ist nicht normal. Und dann dieses Gefühl, das ist Angst, nein, Panik.

Ich habe mich hingesetzt. Meine Frau schaut mich an und merkt sofort, dass es ernst ist. Sie ruft den Notarzt. Gedanken rauschen mir durch den Kopf: Herzinfarkt? Ich? Nein. Vielleicht ist es etwas Harmloses. Die Schmerzen werden heftiger. Ich kann, nein, will mich nicht bewegen. Wenn ich mich nach vorne beuge, dann ist es besser. Meine Frau sitzt neben mir, tupft mir die Stirn ab. Sie wirkt sehr besorgt. Das macht mir noch mehr Angst und noch mehr Schmerzen. Die Zeit will nicht vergehen.

Dann ein Klopfen an der Tür. Ich habe gar nicht bemerkt, dass meine Frau die Tür offengelassen hat. Drei Männer treten ein, schwere Stiefel. Zwei gehen schnell auf mich zu und ziehen an meinem nassen Hemd, es klebt fest, es wehrt sich. Der Dritte, wahrscheinlich der Notarzt, spricht mit mir. Schmerzen in der Brust – ich nicke. Wie lange? Meine Frau antwortet: seit 20 Minuten. Nehmen Sie Medikamente? Ich schüttle den Kopf. Allergien? Wieder schütteln.

Abbildung 1

Ich merke, wie mir Elektroden aufgeklebt werden, während ich am Arm einen Druck spüre – von der Blutdruckmanschette. Die Elektroden wollen nicht kleben, einer der beiden drückt zwei Elektroden mit der Hand nach, um sie dann mit Klebestreifen zu fixieren. Dann spuckt das Gerät einen Papierstreifen aus. Der Dritte schaut kurz auf den Ausdruck und nickt den anderen zu – Infarkt.

Meine Frau schaut mich an. Panik in ihrem Gesicht, Todesangst in mir.

Ich erinnere mich noch an einen Stich in der Ellenbeuge, irgendwelche Medikamente, dann Morphium. Mir wird schwindelig und warm. Aber es wird ruhiger, der Schmerz lässt nach. Schlucken Sie das – haben Sie ein Glas Wasser?  – Das hilft Ihnen. Ab hier habe ich Lücken. Die Angst wird aber weniger. Ich muss mich allem ergeben.“

„Das kalte Herz“: Welche Rolle spielen Stress und Psyche beim Herzinfarkt?

Ist der Herzinfarkt ein Preis der Moderne? Verzeichnen wir mehr Infarkte, weil wir schlichtweg älter werden? In den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts betrug die mittlere Lebenserwartung ca. fünfzig Jahre, heute sind es um die achtzig Jahre. Sind demnach die atherosklerotischen Plaques, die dem Infarkt zugrunde liegen, dem Altern geschuldet? Oder erkrankt unser Herz an den zivilisatorischen Belastungen wie Stress, Arbeit, Vereinsamung, Individualisierung?  Der Arzt und Psychologe Josef Rattner (1998, S. 219–223) fragte, ob unser Herz eher für ein geruhsames und wenig abwechslungsreiches Leben gemacht wäre. Er bezieht sich dabei auf Alfred Adlers Organminderwertigkeit und wirft dabei die Idee auf, dass unser Herz-Kreislaufsystem angesichts unserer zivilisatorischen, modernen Entwicklungen organminderwertig sei, also unsere Schwachstelle wäre. Er folgert weiter, dass die Daseinsmonotonie der früheren Menschen protektiv hinsichtlich Herz-Kreislauf-Erkrankungen gewesen wäre. Ereignisse in unserem Sinne waren damals selten, das Leben eher eintönig.

Das zeigt sich in folgendem Witz: Der Sohn eines Bauern bat seinen Vater um Geld für einen Kinobesuch. „Mein Sohn“, sagte der Alte, „vor zwei Jahren haben wir eine Mondfinsternis gehabt. Letztes Jahr war der Zirkus da; und nun willst Du wieder ins Kino gehen?“

Wilhelm Hauff erzählt in seinem Kunstmärchen „Das kalte Herz“ (1827) die Geschichte eines Mannes, der für sozialen Aufstieg sein Innerstes preisgibt:

Peter Munk tauscht sein fühlendes Herz gegen ein Herz aus Stein – gewinnt Wohlstand, verliert aber Wärme, Mitgefühl und Bindung. Das Leben wird kontrolliert, effizient, innerlich stumpf. Erst als er die Folgen dieser Verhärtung erkennt, versucht er, sein „wahres“ Herz zurückzubekommen.

Gerade deshalb eignet sich Hauffs Bild so gut als Folie: Das Herz steht nicht nur für ein Organ, sondern für das Zentrum von Lebendigkeit, Beziehung und Gewissen. Ein „Herz aus Stein“ meint nicht Krankheit – sondern einen Zustand, in dem der Mensch funktional wird, aber die Verbindung zu sich selbst verliert. Das Herz spiegelt seit jeher den symbolischen Wesenskern unseres Lebens und der Gefühle wider, das wir vor allem durch die Vielzahl an Redewendungen im Alltag sichtbar. Mir ist jemand „ans Herz“ gewachsen, es liegt mir etwas „am Herzen“, jemand erledigt etwas „halbherzig“. Wer hat nicht schon „sein Herz verloren“ oder es wurde einem das „Herz gebrochen“? In Kindermärchen haben die Bösewichte ein „Herz aus Stein“. (Rattner 1998, S. 219–223)

Die existentielle Enge: Angina und Angst

Im Herzinfarkt wird die eigene Endlichkeit nicht gedacht, sondern erfahren. Das Leitphänomen ist dabei die existentielle Verengung des Lebensraums. Diese zeigt sich als brutaler Durchbruch in mehreren Dimensionen.

Die leibliche Dimension:

In einem oft „noch nie dagewesenen“ Schmerz, beschrieben als Eisenfaust oder als Stein, der auf der Brust lastet. Der Körper wird nicht mehr als verlässlicher Partner erlebt, sondern als fremder, bedrohlicher Ort. Die typische „Angina“ (Enge) ist hier nicht nur eine tatsächliche Enge bzw. ein Verschluss im Herzkranzgefäß, sondern auch die verspürte körperliche Enge in der Brust und eine damit einhergehende massive Verengung des Daseins.

Die existenzielle Dimension:

Die Angst als existenzielle Dimension folgt als Nächstes. Das deutsche Wort Angst ist alt und erstaunlich konkret. Es stammt aus dem Althochdeutschen angust und dem Mittelhochdeutschen angest. Die Wurzel liegt im indogermanischen Stamm angh-, der so viel bedeutet wie: eng, beengt, zusammendrücken. Phänomenologisch tritt Angst dort auf, wo Möglichkeiten sich verengen. Man kann nicht einfach weitergehen, nicht ausweichen. Die Welt bietet keinen offenen Raum mehr. Was bleibt, ist Ausharren, Zurückgehen, Flucht oder das Rufen nach Hilfe. Beim Herzinfarkt verschränken sich diese Ebenen unauflöslich. Die somatische Enge der Ischämie und die existenzielle Enge der Angst verstärken sich gegenseitig. Schmerz erzeugt Angst, Angst verstärkt Atemnot, Muskeltonus und subjektive Enge – als leib-weltliche Einheit.

Die soziale Dimension:

Die soziale Dimension ist die dritte. Die eigene Autonomie bricht weg, man ist auf die Hilfe anderer angewiesen. Mit dem Infarkt verliert der Mensch für den Moment seine Souveränität: entkleidet, gelagert, überwacht, zum Objekt reduziert. Die bisherigen Rollen – Partner, Entscheider, Handelnder – verlieren ihre Gültigkeit. Es erfolgt eine Reduktion auf den Menschen, auf das Leibliche. Auch hier zeigt sich eine phänomenologische Einengung des Selbstverständnisses.

Die zeitliche Dimension:

Die vierte Dimension betrifft die Zeit, in zwei unterschiedlichen Perspektiven. Wie schon aus der Sicht eines Patienten geschildert, will die Zeit bis zum Eintreffen des Notarztes nicht vergehen. Das Warten erscheint wie eine Ewigkeit, so als würde sich in diesem existenziellen Moment die Zeit zusammenziehen. Die Zeit wird intensiver, verdichteter, enger wahrgenommen. Die zweite Perspektive betrifft das Vorher und Nachher. Wie in einer Sanduhr gibt es eine Engstelle, die den Infarkt markiert. Nachher ist nicht wie vorher.

Die Enge als Leitphänomen des Herzinfarktes zeigt sich demnach in unterschiedlichen Gesichtern. Angst und Angina sind dabei die beiden zentralen, leiblich verschränkten Wahrnehmungsweisen dieser Enge.

Wir wollen nochmal einen gesonderten Blick auf die Angst werfen:
Angst ist im Gegensatz zur Furcht nicht auf ein bestimmtes Objekt gerichtet. Während sich Furcht auf etwas Konkretes bezieht, etwa auf Tiere, Situationen oder Bedrohungen, ist Angst ungerichtet. Sie ist kein Affekt im engeren Sinn, sondern eine existentielle Grundbefindlichkeit. In Anlehnung an Martin Heidegger lässt sich dieser Moment als radikale Angst vor dem In-der-Welt-sein deuten. Der Mensch wird dabei gänzlich auf sich selbst zurückverwiesen und „erfährt seine eigene Endlichkeit“. Die Angst vor dem In-der-Welt-sein ist nicht ständig spürbar, wohl aber strukturell angelegt. Im alltäglichen Verfallen an Rollen, Routinen und Selbstverständlichkeiten bleibt sie verdeckt. In existenziellen Grenzsituationen – etwa im Moment eines Herzinfarkts – bricht diese Verdeckung auf. Die Angst entsteht nicht neu, sondern tritt offen hervor: als Angst vor dem eigenen Sein im Angesicht seiner Haltlosigkeit und dem damit erlebten schieren Kontrollverlust. Es handelt sich daher nicht primär um eine Angst vor dem Tod, sondern um eine Angst vor dem Sein selbst – im Angesicht der Möglichkeit des Nicht-mehr-Seins.

„Das Drohende kann sich deshalb auch nicht aus einer bestimmten Richtung her innerhalb der Nähe nähern, es ist schon „da“ – und doch nirgends, es ist so nah, dass es beengt und einen den Atem verschlägt – und doch nirgends.“ (Heidegger 2006, S. 186)

Psychosklerose: Wenn Anpassung zur Verhärtung wird

Abbildung 2

Die in älteren Schriften bezeichnete „Infarktpersönlichkeit“ überschneidet sich in vielen Beschreibungen mit dem klassischen phänomenologischen Bild des Hypertonikers, bei dem auch Stress und Angst im Zusammenhang mit Bluthochdruck eine Rolle spielen können. Historisch wurde diese Nähe in den 1950er-Jahren im Konzept des Typ-A-Verhaltens gefasst, das von Meyer Friedman und Ray Rosenman geprägt wurde. Beschrieben wurde ein Bündel habitueller Verhaltens- und Affektmuster: ausgeprägter Leistungs- und Kontrollanspruch, dauerhafte Wettbewerbsorientierung – oft auch jenseits des Beruflichen –, chronische innere Anspannung, das Gefühl des permanenten „Unter-Strom-Stehens“, eine Neigung zu Ärger, Feindseligkeit und schlecht tolerierter Frustration sowie erhebliche Schwierigkeiten mit Pausen, Regeneration und Selbstbegrenzung. Dabei besteht aber eine große Zerbrechlichkeit bei Misserfolgen und ein Bedürfnis geliebt und geschätzt zu werden. Mitunter gesellen sich dazu eine bescheidene Phantasie- und Traumwelt und ein bescheidenes Sexualleben. (Condrau & Gassmann 1995, S.86)

Bereits früh zeigte sich jedoch, dass nicht das Leistungsstreben an sich pathologisch wirkt. Entscheidend scheinen vielmehr die affektiven und vegetativen Korrelate zu sein: chronischer Ärger, mangelnde Affektregulation, ein dauerhaft aktiviertes Stresssystem. In diesem Sinne handelt es sich weniger um eine stabile Persönlichkeit als um einen langfristig eingeübten Anpassungsmodus an äußere und innere Anforderungen.

Dieses Anpassungsmuster lässt sich zugleich als anankastisches Welt- und Selbstverhältnis beschreiben. Gemeint ist dabei eine Grundhaltung, die auf Ordnung, Kontrolle und Vorhersehbarkeit ausgerichtet ist. Unbestimmtheit, Leerlauf und leibliche Eigenzeiten werden dabei nicht als Ressource, sondern als potenzieller Kontrollverlust erlebt. Verantwortung wird stark internalisiert; das Subjekt fühlt sich gehalten, Störungen durch erhöhte Selbstdisziplin zu kompensieren. Der Körper gerät so in die Rolle eines zu verwaltenden Objekts, dessen Warnsignale eher unterdrückt als gehört werden. Nach Condrau leiden diese Menschen besonders an einer frustrierenden Sehnsucht, von den Eltern geliebt zu werden. Sie versuchen durch Ehrgeiz und Leistung diese Liebe zu erringen. (Condrau 1975, S. 229ff.)

Zu der nach außen gerichteten Härte gesellt sich häufig eine Härte nach innen, die sich als Form indirekter Autoaggression zeigt: nicht als bewusste Selbstschädigung, sondern als fortgesetzte Missachtung körperlicher Warnsignale, als Loyalität gegenüber Leistungs- und Kontrollimperativen. Sie äußert sich in chronischem Stress, Schlafmangel und funktionalem Substanzgebrauch – etwa Nikotin, teils auch leistungssteigernden Stimulanzien. In diesem Prozess kommt es zu einer zunehmenden Verhärtung innerer Haltungen, einer Einengung affektiver Beweglichkeit und zu einem Verlust psychischer Elastizität und Flexibilität– einer Psychosklerose im bildhaften Sinn. Der Körper wird dabei Kostenfaktor eines Lebensstils, der keine echte Unterbrechung mehr kennt. Rationalisierungen und Intellektualisierungen bilden die hauptsächlichen Abwehrmechanismen. (Condrau 1975, S. 229ff.)

Früher wurde dieses Muster populär als „Managerkrankheit“ etikettiert – ein Begriff, der dem Infarkt beinahe eine positive Konnotation an Bedeutung, Erfolg und Verantwortung verlieh. Heute wissen wir, dass diese Zuschreibung irreführend ist. Epidemiologisch sind Herz-Kreislauf-Erkrankungen nicht primär ein Problem privilegierter Leistungseliten, sondern betreffen überproportional Menschen mit niedrigerem sozioökonomischem Status. Entscheidend ist dabei weniger die berufliche Position als die strukturelle Lage: geringe Autonomie, hohe Belastung, wenig Planbarkeit und kaum verfügbare Regenerationsräume, und ein überdurchschnittlicher Substanzgebrauch.

Der Herzinfarkt erscheint so nicht als individuelles Versagen oder Ausdruck eines „falschen Charakters“, sondern als somatischer Endpunkt chronischer Überanspannung und psychischer Überlagerung– dort, wo Anpassung zur dauerhaften Selbstüberforderung geworden ist und das auf vollständige Selbststeuerung ausgerichtete Weltbild zusammenbricht. Staehelin (1965) wies daraufhin, dass sich diese Kranken das ihnen Nötigste, nämlich „das sinnvolle Austragen ihrer gemütvollen Wesensseiten in einem sie mit Angst erfüllten Maß“ schuldig bleiben. (Condrau 1975, S. 229ff.)

Das Herz im Licht des Daseins

Aus all den oben genannten Aspekten ergibt sich der Eindruck, dass manche Herzkranke in ihren mitmenschlichen Beziehungen in einer besonderen Weise leiblich unfrei werden: nicht, weil das Herz „der Sitz der Gefühle“ wäre, sondern weil es die Affekte des Lebens unmittelbar mitvollzieht. Zwischen Gehirn, Hormonsystem und vegetativem Nervensystem besteht eine enge funktionelle Kopplung – und wir kennen das alle aus Erfahrung: vor Schreck erblassen, Herzklopfen bis zum Hals, rote Ohren, Druck auf der Brust. Das Herz-Kreislauf-System reagiert auf Gefühlsregungen – und macht sichtbar, wie eng das Leibliche mit dem Seelischen verschränkt ist.

Im Licht des menschlichen Daseins erhält das Organ Herz jedoch eine andere Bedeutung. Unsere geläufige Meinung lautet: Wir sehen, weil wir Augen haben; wir hören, weil wir Ohren besitzen; wir denken, weil wir ein Gehirn haben; und wir leben, weil ein Pumporgan den Körper mit Blut versorgt. Heidegger (2006) schlägt vor diese Kausalität umzukehren (Die Grundbegriffe der Metaphysik): Wir haben Augen, weil wir sehende Wesen sind; wir haben Ohren, weil wir hörende Wesen sind. Der Mensch ist nicht die Summe seiner chemo-physikalischen Prozesse, sondern ein Wesen, das sich immer schon verstehend in der Welt bewegt. Vielleicht – so zugespitzt – haben wir ein Herz, weil das „Herz-hafte“ für unser Menschsein wesentlich ist.

Diese Perspektive führt zu Heideggers (2006) Unterscheidung von Werkzeug und Organ: Werkzeuge kann man ablegen; sie sind Mittel, die eine Funktion erfüllen. Organe hingegen sind nicht „Dinge“, die man besitzt, sondern sie sind dem Leben zugehörig: Sie bleiben im Menschsein durchwaltet, in ihm gehalten, solange der Mensch lebt. So „hat“ nicht das Auge das Sehen, sondern der lebendige Organismus ist sehend; nicht das Ohr hat das Hören, sondern der Mensch ist hörend.

Diese Vorstellung lässt sich auch auf das Herz-Kreislauf-System anwenden: Das Herz ist dem ganzen Körper verbunden, es versorgt alles – von der Niere bis zum Gehirn – und hält das Leben in Gang. Es arbeitet autonom, ohne dass wir es willentlich steuern könnten. Im weitesten Sinne steht es damit für Eigenständigkeit. Und genau hier öffnet sich eine psychokardiologische Frage: Was geschieht, wenn ein Mensch seine Eigenständigkeit, seine Selbstgrenzen, seine Pausen, sein „Bei-sich-Sein/ In-sich-Sein“ dauerhaft verfehlt – und das Herz unter Umständen darunter leidet?

Das Herz ist in ständiger Bewegung, es steht nie still: es saugt an, spannt an, pumpt aus, entspannt – mal langsamer, mal schneller – in einer Rhythmizität, die dem Leben immanent ist. Rhythmus und Kreislauf gehören zusammen (Weitere Infos hierzu finden sich in unserem Beitrag zum Thema „Wenn das Herz aus dem Takt gerät“). Sie strukturieren nicht nur Physiologie, sondern auch das Erleben: Gefühle sind leiblich rhythmisiert– zwischen Nähe und Abstand, Spannung und Lösung, Anziehung und Abwehr.

Und schließlich: Unser Dasein ist immer auch Mit-Dasein. Der Mensch existiert nicht isoliert, sondern in Beziehungen, Rollen, Erwartungen, Bindungen – und bildet dabei zugleich seine Welt. Heidegger (2006) nennt dies In-der-Welt-sein. Gerade darin wird das Leibliche philosophisch lesbar: nicht als bloßer Mechanismus, sondern als Ausdruckform einer Existenz. So wird eine Betrachtung des Herzens und seiner Krankheiten möglich, die Biologie nicht leugnet – aber sie in einer größeren Ordnung des Menschseins verortet. (Vgl. Condrau & Gassmann 1995, S. 111-118)

Das unverfügbare Herz

Um eine zeitgenössisch anschlussfähige Anschauung anzubieten, könnte man auch die Theorien zu Resonanz und Unverfügbarkeit des Soziologen Hartmut Rosa (2024) heranziehen. Dieser schreibt in seinem Essay „Unverfügbarkeit“, dass die Welt für uns zunehmend zu einem Aggressionspunkt geworden ist. Durch die spektakulären Erfolge in der Wissenschaft, Technik und Wohlstandgesellschaft musste der Mensch zunehmend auf Distanz zur Welt und zu sich selbst gehen und entwickelte sich zu einem exzentrisch positionierten Lebewesen. Dieser Aggressionsmodus wird dann zum Problem, wenn er zum Grundmodus jeglicher Lebensäußerungen wird und wechselseitige Bezogenheit und Verbundenheit verloren geht. Somit entwickelt sich unser Resonanzbedürfnis von einem Beziehungsbegehren zu einem Objektbegehren, was vor allem durch die kapitalistische Warenwirtschaft vorangetrieben wurde. Es entsteht eine verdinglichte Verpanzerung. In der Summe geht uns in vielen Bereichen unseres Alltagslebens das zwischenmenschliche Resonanzvermögen zunehmend verloren.

Hier lässt sich eine Brücke schlagen zu den o.g. Ideen der Rhythmizität des Herzens und einer emotionalen Resonanz, die brüchig wird und krank macht – nicht im Sinne einer direkten Gleichsetzung, sondern als phänomenologische Analogie. Hartmut Rosa führt an dieser Stelle vor allem die Depression und Burnout als körperliche Reaktion an, ich möchte es um Angst und Herzkrankheiten erweitern. Nicht weil Rosa dies kausal belegt, sondern weil sein Resonanzbegriff plausibel macht, wie Entfremdung und Kontrollzwang sich leiblich zuspitzen können – gerade in Angst, Anspannung und kardialer Symptomatik. Im Herzinfarkt findet sich auch ein Moment der absoluten und existentiellen Unverfügbarkeit. Das Leben im Moment und die Zukunft werden in diesem Moment für uns unverfügbar. (Rosa 2024)

Der Egoinfarkt – wenn das Selbstbild bricht

„Im Krankenhaus angekommen ging alles sehr schnell: Rettungsstelle. Ich höre den Notarzt sprechen, während zwei Pfleger an mir zu schaffen machen – EKG, Blutabnahme. Der Arzt spricht mit mir: Notfall, Stent, mögliche Komplikationen. Dann geht es in den Herzkatheter – und von da an bricht meine Erinnerung ab.

Am Abend bin ich wieder da: auf Station. Bei der ersten Visite heißt es, ein Stent habe eingesetzt werden müssen – es sei alles gut gegangen. Ich hatte wohl Glück. Aber ab jetzt: Medikamente, Gewichtsabnahme, Reha. Und: Ich brauche von nun an einen Kardiologen, den solle ich mir suchen.
Jetzt, drei Tage später, bin ich zu Hause. So richtig erleichtert bin ich nicht. Es ist nicht mehr so wie vorher.“

Abbildung 3

Vor fünfzig Jahren lagen Patienten nach einem Infarkt, damals gab es noch keinen Herzkatheter, wochenlang im Krankenhaus. Die Hälfte der Patienten starb. Heute, wenn alles gut läuft, wird man nach 3-5 Tagen wieder entlassen und ist auf sich selbst zurückgeworfen. Das Leben ist nicht mehr dasselbe. Der Körper, dem man vorher blind vertrauen konnte, hat rebelliert. Die eigene Omnipotenz hat Schaden genommen, die Endlichkeit war für wenige Stunden so präsent, wie wahrscheinlich noch nie zuvor – das eigene Selbstbild bricht. Nicht selten stellen sich dann Angst, Unsicherheit und eine depressive Niedergeschlagenheit ein. Bei Männern können sich Potenzstörungen hinzugesellen. Das Selbstwertgefühl ist destruiert. In der Psychokardiologie wird in diesem Zusammenhang auch vom Egoinfarkt, im Sinn einer narzisstischen, identitätsbezogenen Erschütterung durch Kontrollverlust und Bedrohung der Unverletzlichkeitsfantasie und des Selbstbildes.

Schluss – Angst als Antrieb zum Gespräch

Abbildung 4

Die Industrialisierung unseres Gesundheitssystems hat enorme Fortschritte gebracht: Eine schnelle und standardisierte Versorgung der Herzinfarktpatienten mit deutlich verbesserter Prognose. Doch die verkürzte Liegedauer lässt vielen kaum Raum für eine wirkliche Krankheitsbewältigung. Der Patient wird mit seinen Ängsten und Nöten aus dem Krankenhaus entlassen, eine ambulante Anschlussversorgung ist oft nicht leicht zu realisieren. Was bleibt, ist Unsicherheit und Angst.

Für Kierkegaard ist die Angst kein bloßes Symptom, sondern ein Wesenszug menschlicher Freiheit. Und er skizziert eine Haltung, die auch die Psychotherapie kennt: Angst nicht zu meiden, sondern ihr dosiert zu begegnen. Gerade in ihrer Unbändigkeit kann sie zum Motor werden, um Freiheit und Gestaltungskraft zurückzugewinnen.

Krankheitsbewältigung entsteht im Dialog: mit einem Arzt, mit einem Therapeuten, mit der Familie. Fragen sind nicht nur erlaubt, sondern notwendig:

„Warum ich?“ – „Warum ein Infarkt?“ – „Warum jetzt?“

Entscheidend ist, diese Kraft zu lösen und in Handlung zu verwandeln: als Schritt zu mehr Selbstwirksamkeit und Spielraum.

Erst so öffnet sich die narrative Dimension und somit die letzte Dimension des Herzinfarkts:

Der Infarkt wird zur biografischen Engstelle, die das Leben in ein Davor und Danach teilt. Erst im Erzählen, im Aufarbeiten – gegenüber anderen und sich selbst – entsteht eine neue Ordnung der Erfahrung. Das Ereignis wird nicht nur erinnert, sondern als Zäsur eingezeichnet: „Nachher ist nicht wie vorher.“
Das Erzählen beginnt daher oft erst später – und es beginnt vielleicht als Sinnsuche, vielleicht als Versuch, die Erfahrung überhaupt wieder in eine Form zu bringen, die sagbar ist und in das Selbst integrierbar wird.
So wird der Infarkt zu einem Ereignis, das nicht nur den Körper betrifft, sondern die eigene Lebensgeschichte neu ordnet und vielleicht auch zum Positiven verändert.

„Als ich aufhörte, so hart zu mir zu sein, wurde auch die Welt sanfter zu mir.“

Abbildung 5

Literatur:

Condrau, G. & Gassmann, M. (1995). Das verletzte Herz. Zürich: Fischer Verlag.

Condrau, G. (1975). Medizinische Psychologie. München: Kindler Verlag.

Heidegger, M. (2006). Sein und Zeit. Tübingen: Max Niemeyer Verlag.

Rattner, J. (1998). „Das Herz ist ein einsamer Jäger“ (C. McCullers) – Zur Psychosomatik der Herz- und Kreislaufstörungen. In G. Danzer, Psychosomatik – Gesundheit für Körper und Geist (S. 219–223). München: Urban & Schwarzenberg.

Rosa, H. (2024). Unverfügbarkeit. Wien-Salzburg: Suhrkamp Verlag.

Staehelin, B. (1965). Die funktionellen kardio-vaskulären Störungen als psychosomatische Syndrome. Bern und Stuttgart: Huber.

Bildnachweis und ikonographische Einordnung der Abbildungen:

Die im Essay verwendeten Abbildungen stammen aus dem Emblembuch Daniel Cramer / Conrad Bachmann:

Emblemata sacra. Hoc est: Decades quinque emblematum ex sacra scriptura, de dulcissimo nomine et cruce Jesu Christi, figuris aeneis incisorum. Frankfurt am Main: Lucas Jennis, 1624.

Das Werk umfasst fünfzig emblematische Darstellungen des Herzens, die jeweils aus einem Kupferstich, einem lateinischen Motto und einem erläuternden Epigramm bestehen. Die Embleme verbinden Bild und Text zu einer symbolischen Meditation über das Herz als geistiges Zentrum des Menschen und gehören zu den eindrucksvollsten Beispielen der frühneuzeitlichen Emblematik.

Die hier wiedergegebenen Abbildungen folgen dem Digitalisat der Bayerischen Staatsbibliothek München (Münchener Digitalisierungszentrum). Da das Werk 1624 erschien und die Urheber längst verstorben sind, befinden sich Text und Kupferstiche heute im Public Domain.

Künstlerisch-kuratorische Einordnung

Die Herz-Embleme aus Emblemata sacra fungieren im vorliegenden Essay nicht lediglich als Illustrationen, sondern als ikonographische Kommentare zur existenziellen Erfahrung von Krankheit, Krise und Transformation.

In der frühneuzeitlichen Emblematik wird das Herz nicht primär als anatomisches Organ verstanden, sondern als symbolischer Ort des Willens, der Affekte und der inneren und äußeren Orientierung des Menschen. Entsprechend zeigen die Kupferstiche das Herz in unterschiedlichen existenziellen Zuständen – bedroht, gebunden, verwandelt oder befreit.

Die im Essay gewählte Abfolge der Embleme folgt daher bewusst einer dramaturgischen Struktur, die die narrative Bewegung des Textes spiegelt: von der existenziellen Bedrohung über Befreiung und Transformation hin zu einem neuen Gleichgewicht und schließlich zur elementaren Gewissheit des Lebens.

Abbildungen

Abbildung 1

Periclitor – Emblema XIII

Übersetzung: „Ich gerate in Gefahr.“

Das Emblem markiert den Moment existenzieller Bedrohung. Im Kontext des Essays steht es für den Herzinfarkt als Grenzerfahrung zwischen Leben und Tod – einen Augenblick, in dem die Selbstverständlichkeit des Lebens zerbricht.

 

Abbildung 2

Liberor – Emblema IX

Übersetzung: „Ich werde befreit.“ Das Emblem verweist auf Befreiung aus einer existenziellen Gefahr. In medizinischer Perspektive lässt sich dies mit der interventionellen Therapie – etwa der Herzkatheterbehandlung – in Verbindung bringen, durch die der Blutfluss wiederhergestellt und das bedrohte Herz entlastet wird.

 

Abbildung 3

Mollesco – Emblema I

Übersetzung: „Ich werde weich.“

Das Emblem reflektiert die Verwandlung des Herzens. Während die moderne Medizin häufig von der „Verhärtung“ der Gefäße spricht, erinnert dieses Bild an die frühneuzeitliche Vorstellung eines Herzens, das entweder erweichen oder erstarren kann – eine symbolische Nähe zur im Essay beschriebenen „Psychosklerose“.

 

Abbildung 4

Nec citra nec ultra – Emblema XXXIV

Übersetzung: „Weder diesseits noch darüber hinaus.“

Das Motto verweist auf Maß und Grenze. Nach der existenziellen Krise erscheint das Leben als Suche nach Balance – zwischen Übermaß und Mangel, Kontrolle und Hingabe.

 

Abbildung 5

Vivo – Emblema XI

Übersetzung: „Ich lebe.“

Das letzte Emblem reduziert die Erfahrung auf eine elementare Gewissheit. Nach Gefahr, Intervention und Transformation bleibt die schlichte Feststellung: das Leben selbst.

Foto des Autors

Über die Co-Autorin:

Maria Blanck ist Psychotherapeutin für Kinder und Jugendliche mit dem Schwerpunkt Psychosomatik; zudem Rehabilitationspädagogin, Kunsthistorikerin und Kulturpädagogin in Berlin.

Foto des Autors

Über den Autor:

Liebe Leserinnen und Leser, mein Name ist Dr. med. univ. Moser und als Kardiologe in Berlin Mitte verfolge ich bei meinen Patientinnen und Patienten einen ganzheitlichen, psychokardiologischen Ansatz. So wird neben körperlichen Aspekten ergründet, ob auch seelische bzw. psychische Faktoren für auftretende Symptome verantwortlich sein könnten. Über einen Klick auf den nachfolgenden Button erhalten Sie weitere Informationen zu meiner psychokardiologischen Praxis.

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